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Ausgehaftet!

Nein Nein NEIN.

Ich möchte nicht mehr haften. Haften zur Absicherung von Investoren, die leider einem Betrüger oder auch nur einem größenwahnsinnigen Banker (GröwaB) aufgesessen sind.
Es könnte auch ein Aprilscherz sein, aber nachdem wir den HAA Moloch gerade erleben und bezahlen müssen, ist der Spaß vorbei. Also steht wirklich zu befürchten, dass der Staat mal wieder Anleger freikaufen soll:

derstandard.at: Republik droht Haftung für AvW-Schäden

Es geht um den Betrugsfall der AvW (Auer-von-Welsbach) Pleite. Anleger klagen nun die Republik, weil wohl die Aufsicht versagt hätte (ein paar Details dazu sind im verlinkten Artikel zu finden). Fakt ist: Der Staat und seine Aufsichtsorgane sind schlicht und ergreifend nicht in der Lage, den Finanzmarkt im Griff zu haben. Das ist keine böse Unterstellung, auch kein Angriff auf unfähige Mitarbeiter der Aufsichtsbehörden oder Korruption in ebendiesen. Dieser Markt ist unüberschaubar und es geht um viel Geld — das zieht klarerweise auch zwielichtige Gestalten an. Die Hoffnung dass die Republik und ihre Organe unseriöse und kriminelle Machenschaften aufdecken bevor Schaden entsteht ist im wohlmeinenden Fall naiv, im weniger wohlmeinenden Fall berechnend von Investoren, um eigene Informationsdefizite und Risiken auf die Allgemeinheit abzuwälzen. 

Ja zu einer mächtigen und fähigen Aufsicht, ja auch zur Strafverfolgung unlauterer Machenschaften und Korruption (auch das muss aus Steuergeld finanziert werden), aber NEIN zur Absicherung von Anlegerrisiko durch die Allgemeinheit. In diesem Markt ist das Motto "weniger Staat" sinnvoll anzuwenden. Es bezahlt die Republik auch nicht Schäden aus einem Einbruchdiebstahl mit der Begründung, eine Polizeipatrouille hätte die Einbrecher ja auf frischer Tat ertappen können.

Gelesen: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, von Peter Kropotkin

Buchumschlag Aufmerksam geworden bin ich auch dieses Buch durch Zahlreiche Erwähnungen als ein Standardwerk zum Thema Anarchismus, eine Gesellschaftsform, dessen Theorie ich zugegebenermaßen noch nicht verstanden habe.
Gleich vorweg, auch dieses Buch hat mir zum Thema Anarchismus wenig neue Erkenntnisse gebracht. Der Autor bringt in seinem Werk eine Menge interessanter Beispiele um zu belegen, dass sowohl bei Tieren als auch bei Menschen die Zusammenarbeit mehr Vorteile bringt als der Kampf, die Konkurrenz. Er weist darauf hin, dass die Interpretation des Darwinismus als der bloße Kampf ums Überleben nicht die Intention von Darwin war, sondern "Stärke" durchaus auch oder sogar vor allem die Stärke von Kooperation ist. Dieses Prinzip ist einleuchtend, und es ließe sich in der Tierwelt noch viel weiter zurückverfolgen — zur Entstehung der Mehrzeller selbst, deren Entstehung ja auch der gegenseitigen Hilfe geschuldet ist.

Trotzdem ist die streckenweise simple Aufzählung von Beispielen als politische Aussage nur dünn. Es ließe sich diesem Buch leicht ein anderes voll mit Kampf, Grausamkeit und Krieg gegenüberstellen. Beides existiert, wahrscheinlich unbestritten, und was von beiden vorherrscht, ist gar nicht so wichtig.

Viel interessanter ist ein ander Aspekt des Buches: Kropotkin schreitet in seinen Kapiteln mit der Höhe der Entwicklungsstufe sozusagen in der Zeit voran. Vom einfachen Tierleben bis zu deren komplexeren Organisationen, von prähistorischen Clans über Dorfmarken zu Gilden und Arbeitervereinigungen. Mit der steigenden Komplexität steigen wohl auch nach Beobachtung des Autors die notwendigen Regeln. Während im Ameisenstaat jede Arbeiterin gleich ist, sind die Gilden doch schon nicht mehr so einfach organisiert und beinhalten Hierarchie – ich würde diese Organisation nicht unbedingt als anarchisch bezeichnen. Aber während bei jener noch oft kommunaler Gemeinschaftsbesitz vorherrscht, so werden diese gemeinverwalteten Einheiten später mehr und mehr zurückgedrängt, beispielsweise durch Fürstentümer oder später im Nationalstaat.
Das heisst, irgendwo gibt es eine Grenze, wo die Organisation für einzelne nicht mehr überschaubar ist und deshalb gemeinsame Kontrolle unmöglich wird. Über diese Grenze hinaus wird Machtmissbrauch und Korruption immer gefährlicher.

Wo Peter Kropotkin hofft, dass sich gegenseitige Hilfe tatsächlich über die gesamte Menschheit ausbreiten kann, hat Leopold Kohr in seinen Büchern diese Grenzen gesehen, das war aber auch ein halbes Jahrundert und zwei Weltkriege später. Die Hoffnung, dass sich eine großer Nationalstaat der modernen Art, mit all seiner Arbeitsteilung, gemeinschaftlich und herrschaftsfrei verwalten ließe ist eine trügerische, so fürchte ich.

Ein aggresives Element des Markenrechts

Ein international üblicher Aspekt des Markenrechts macht dieses perfide: Die Verpflichtung der Markeninhaberin, ihr Recht auch aktiv zu verteidigen. Angriff ist die beste Verteidigung: Durch Passivität (oder auch Kulanz) erfahren Markeninhaber also einen rechtlichen Nachteil.

Dies führt natürlich dazu, dass die aggressive Verfolgung der echten oder vermeintlichen Konkurrenz vom Gesetzgeber nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern sogar eingefordert wird. Zu spüren bekommt das gerade Backaldrin, Erfinderin der Marke "Kornspitz". Weil das Unternehmen seinen Rechtsanspruch nicht stark genug verteidigt hat (d.h. rechtlich gegen unautorisierte Kornspitze vorzugehen), ist nun laut EuGH die Marke verwässert, die Löschung droht.

Es soll nicht sein, dass das "glückliche" Eintragen einer Marke und – vielleicht sogar heimliches – Abwarten später in einem unverdienten Geldregen endet. Andererseits ist eine Aufforderung zum Verklagen auch gefährlich, wenn man sich Beispiele wie die Markeninhaber Jack Wolfskin (alles was nach Pfotenabdruck aussieht) oder auch Deutsche Telekom (die Farbe Magenta) ansieht.

Ich möchte kein Markenrecht, das die Inhaber dazu zwingt, sich durch möglichst öffentlichkeitswirksame Klagen, zum Beispiel gegen Kleinunternehmen oder gar Private, ihre Marken zu sichern.

Links:

Der Wohnbaustadtrat hätt gern Transparenz

Der Wiener Wohnbaustadtrat Michael Ludwig beklagt in einer Aussendung die Intransparenz des Mietrechts. Ach was. Ich finde es ja sehr lobenswert, dass der nicht unbedingt Neostadtrat von dieser Erkenntnis befallen wird – aber ist Herr Ludwig nicht der Meinung, dass seine eigene Partei, der er auch nicht erst gestern beigetreten ist, ein klitzekleinwenig mit dieser Intransparenz zu tun hat? Hat nicht die SPÖ mit einer Murksaktion nach der anderen dieses rechtliche und wirtschaftliche Flickwerk geschaffen?

Die Forderung nach Transparenz ist eine sehr gute, aber gleichzeitig müssen die verschiedenen Ungerechtigkeiten sowohl für Mieter als acuh Vermieter beseitigt werden; das ist nicht immer Gleichzusetzen mit einer Senkung der Mieten. Wo Mieten unter den Erhaltungskosten eines Hauses liegen, muss eine Anpassung nach oben genauso möglich sein, wie die Möglichkeit des Grundrechts auf Wohnen durch leistbare Mieten vorhanden sein muss. Bei letzterem sollte die Stadtregierung ihren gewaltigen Einfluss auf das System durch ihre Gemeindewohnungen nicht verlottern lassen.

Dafür will die Stadt aber noch weiter in die Vertragsfreiheit eingreifen:

Nur durch eine Begrenzung der Zuschläge kann erreicht werden, dass die Mieten generell angemessen bleiben und am privaten Sektor nicht weiter in die Höhe geschraubt werden", so Ludwig, der sich dafür ausspricht, dass die Summe der Zu- und Abschläge mit maximal 25 Prozent des Richtwertes begrenzt werden soll.

Warum darf nicht auch eine Altbauwohnung hochwertig ausgestattet und dann um eben einen angemessenen Preis vermietet werden? Warum darf die Vertragsfreiheit erst ab 120m² beginnen? Sollen die Altbauten der Stadt noch weiter verkommen?

In der Aussendung findet sich dann noch folgendes schöne Gleichnis des Stadtrats:

 "Was bei jedem Autokauf als Ausstattungs- und Aufpreisliste für Extras üblich ist, sollte längst auch im viel wichtigeren Bereich des Wohnens und der Mieten Standard und Selbstverständlichkeit sein. Und zwar verbindlich gesetzlich geregelt."

Wir in der IT Branche lieben ja Autovergleiche. Wenn ich diesen einen etwas weiter ausführen darf: Der Staat (oder die Stadt?) gibt vor, was ein Kilo Auto kosten darf, für Extras darf extra verlangt werden, auch reguliert. Was denkt Herr Ludwig, wie transparent diese Aufpreisliste dann noch wäre?

Mittel gegen den Hochmut der Großen

Mittel gegen den Hochmut der Großen

Viel Klagen hör ich oft erheben
Vom Hochmut, den der Große übt.
Der Großen Hochmut wird sich geben,
Wenn unsre Kriecherei sich gibt.

(Gottfried August Bürger)     

 

Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren

"Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren" — diese gar nicht so geflügelte Wort der Kapitalismusgegner ist in der Bevölkerung in voller angekommen. Vom Hedgefondsmanager über den Landeshauptmann bis zum Hackler. war der Begriff eigentlich für Unternehmen und deren Eigentümer gedacht, die sich in florierenden Zeiten das Geld fein auszahlen lassen, sich aber bei Krise oder gar drohendem Konkurs mit Steuergeld retten lassen.

Eine unappetitliche Eigenart, aber den Trick haben sich jetzt doch einige abgeschaut:

  • Der Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser meint, Kärnten habe genug zur HAA-Rettung beigetragen, jetzt soll doch bitte die Republik (weiter-)zahlen. Die Gewinne aus den Haftungen wurden aber bis heute gern genommen.
  • Der VKI klagt Banken um diese an den Verlusten ihrer Kunden zu beteiligen. So gerne man nach der Bankenkrise die Branche ihre eigene Medizin kosten lassen mag, das Zeichen ist auch hier: Läuft's gut – steck ich's ein. geht's daneben – soll's bitte die Gemeinschaft zahlen.
  • Ähnliches bei Fremdwährungskrediten, deren Risiko auf die Banken zurückfällt, hier fällt vor allem die ungarische Regierung auf. Währungsgewinne der Kunden in der Zwischenzeit dürfen natürlich behalten werden.

Auch wenn es für all diese Maßnahmen gute Gründe gibt, wie kein ein einfacher Wähler die Machenschaften der JH mit seiner Landesbank durchschauen, wie kann man sich gegen irreführende Beratung eines Bankangestellten wehren, stellt sich trotzdem die Frage nach der Eigenverantwortung? Die Welt der Finanz ist eine furchtbar komplizierte geworden (ich werde noch zum Fan von Fred Sinowatz), aber man muss sich dem nicht aussetzen. Man kann sein Geld ausgeben, auf ein Sparbuch legen oder sogar Aktion kaufen. (Und man kann eine vernünftige Partei wählen, dies nur nebenbei.) Dies alles ist recht gut verständlich. Man muss sich keinen Schiffsfonds andrehen lassen, weil einem ein schwindlicher Berater vier Prozent mehr verspricht. Praktisch risikolos, ha ha ha!

Die Verluste tragen nur vordergründig die Unternehmen, in Wirklichkeit tragen wir alle die Kosten über höhere Preise. Lügen bei der Beratung gehören bestraft, eine eine Vollkaskogesellschaft macht uns mit Sicherheit nicht reicher.

Feste Abgaben auf Platten

Die österreichische Politik bestätigt wieder ihren Ruf als Schneckenpolitik. Das lahme Tempo mit hinterlassener Lobbyschleimspur gilt nicht nur bei wirklich wichtigen Dingen wie beim HAA-Disaster, auch bei Kulturpolitik ist Verschleppung und Entscheidungen Jahre zu spät en vogue.

So kommt nun also die Festplattenabgeabe auf Speichermedien (dazu: Aussendung "Plattform Kunst hat Recht!). Herr Ostermayer hat also wieder freundlich lächelnd gesprochen, populistischen Unfug wie meist. Dass diese Abgabe leider meilenweit am Ziel von Gerechtigkeit für Kunstschaffende wie Kunstgenießer vorbeigeht – egal. Die kommende neue Steuer (ja, Steuer) trifft halt irgendwen, Unternehmen und Private mit ihren eigenen Daten, dazu die Sicherungskopien, Hobbyfilmer, Computergamer — aber hey, werden schon genug Raubkopierer dabei sein!
Dass die Verwertungsgesellschaften laut applaudieren, kann auch nicht verwundern, können diese ihren Verwaltungsapparat so nun doch weiterbeschäftigen.

Aber auch viele Kommentare dazu sind nicht besser. So spricht sich Eric Frey im Standard ("Besser als Aushungern") zwar gegen die Festplattenabgabe aus, um dann tatsächlich abschließend für eine Abgabe auf Breitbandanschlüsse zu plädieren? Unglaublich konsequent gedacht, eine ungenaue Steuer durch eine andere zu ersetzen…

Dabei ist es relativ einfach: Wenn die regierende Politik der Meinung ist, dass Kunst nicht (mehr) durch Konsumenten finanzierbar ist und trotzdem entstehen soll, dann muss das eben durch den Staat gefördert werden. Und zwar, traurig aber wahr, durch den allgemeinen Steuertopf. Das muss man nicht mögen. Aber eine neue Pseudosteuer einführen und als Abgabe tarnen, mit dem ganzen Verwaltungspalawatsch dazu (egal ob jetzt in Finanzamt, Verwertungsgesellschaften oder GIS eingebettet) ist das Dümmste von allem.

Die Pixibücher auf dem Nachtkastl

Wahrscheinlich werden auf meinem Nachtkastl bald auch wieder echte Pixibücherl liegen. Aber momentan hab ich da noch andere Kaliber, an denen hab ich aber noch zu kauen — bin bei beiden erst bei so circa einem Drittel angelegt:

Da das Bild nocht so groß ist: Die b eiden Bücher sind übrigens "H.P. Lovecraft: Necronomicon" und "Reclams Großes Buch der Deutschen Gedichte". Beide mit gut vierstelligen Seitenzahlen. :-)

Gelesen: Die Wasserfälle von Slunj, von Heimito von Doderer

Buchumschlag Die Wasserfälle von SlunjEin Buch, an das ich eher durch Zufall anstatt zielgerichteten Willen gekommen bin. Es ist ein Erbstück aus der Sammlung meines Großvaters. So ist das Buch etliche Jahre unscheinbar im Regal gestanden bis ich es jetzt endlich im meine Tasche für die U-Bahnfahrt gesteckt hab.

Es war ein guter Griff. Vielleicht etwas anschließend an "Der Mann ohne Eigenschaften", das ich vor einem Jahr gelesen habe, bringt dieses Werk Erkenntnisse über unser Kakanien im späteren 19. Jahrhundert und bis zum zweiten Weltkrieg. Anders als das Buch von Musil, über dem das Damoklesschwert von 1914 deutlich sichtbar hängt, erzählt Heimito von Doderer von einem intellektuellen Wien, einer multikulturellen, erfolgreichen und meist aufgeschlossenen Donaumonarchie.
Zentralgestirne der Geschichte sind Vater und Sohn Clayton, jeweils Ingenieure und Erben eines englischen Familienunternehmens für Landmaschinenbau. Zu Anfang des Buches wird Robert Clayton (der Vater) von dessen Vater nach seiner Hochzeitsreise am Balkan nach Wien entsendet, um ein Zweigwerk aufzubauen. Er bleibt in der Stadt hängen, und um ihn und seinen hauptsächlich in Wien aufwachsenden Sohn entspinnt sich ein soziales Netz von Bekanntschaften, auf das der Autor hie und da ein Vergrößerungsglas legt und ein paar Tage oder ein paar Jahre einen neuen Protagonisten findet.

Nach diversen Ausflügen kehrt man immer wieder zurück ins Claytonzentrum in Wien. Dabei finden sich immer wieder Anhaltspunkte, natürlich besonders interessant wenn man in der entsprechenden Gegend lebt. So wird über die Semmeringbahn und dessen Erbauer erzählt, man erfährt einiges über den Baufortschritt von Wien um 1900; Hinweise auf reale Personen und Unternehmen verwischen leicht prickelnd Fiktion und Historie. Pittel+Brausewetter kommt vor wie die verblichene Österreichische Lloyd. Und in Zeiten der Internets lässt sich herausfinden, dass sogar der Name Clayton tatsächlich etwas mit Wien und Landmaschinen bau zu tun hat: Es gab eine Hofherr Schrantz-Clayton Shuttleworth AG.

Die Art des lockeren Springs von Darsteller zu Darsteller erinnert mich das Buch an "Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach" von Erwin Einzinger, der ein Netz mit ähnlicher Maschenweite knüpft, eine Strickleiter um sich anzuhalten. Auch die Komplizenschaft mit dem Leser, die direkte Ansprache, ist ein Stilement, das beide Autoren gern verwenden:

An dieser Stelle muß zugegeben und konstatiert werden, daß uns die trojanischen Pferdchen immer wieder dahergetrabt kommen, ohngeachtet der Filzpatschen-Aktion von pagina 100. So geht's wenn man sich einmal eingelassen hat. Seien wir's zufrieden, wenn uns wenigstens die Hausmeisterin Wewerka gänzlich ausbleibt, zu deren Entfernung aus der Composition allerdings auf pagina 111 bedeutende Energien aufgewandt worden sind. (S369)

Und tatsächlich auf pagina 111 steht folgendes geschrieben:

Aber die Wewerka kann jetzt hinausgeschmissen werden; und damit kommt der Augenblick ein allzu seltener, ein allzu kurzer! wo der Romanschreiber nicht an die Eigengesetzlichkeit seiner Figuren gebunden bleibt, sondern zuletzt noch mit diesen machen darf, was er will.

Ein interessanter Ausflug in die Metaebene. Für mich erst etwas befremdend, aus der Phantasiewelt des Buches herausgeklaubt zu werden, aber strategisch gut eingesetzt, um die Personen die nicht mehr auf der Bühne sind zu sortieren.

Die Sprache des Buches ist abwechslungsreich, meist leicht, lebhaft, verschmitzt und frech,

Nicht lange nach deren Verhausmeisterung war das Ehepaar Bachler hier eingezogen (der fesche Herr Doctor zeigte übrigens von Anfang an den Wenidopplers gegenüber die offenste Hand, ähnlich wie jetzt Chwostik). Eine Hausmeisterin weiß alles, manchmal aber doch nicht so ganz genau; zudem war diese da neugebacken (nuper conciergificata). (S. 125)

dann wieder ausholend in langen Sätzen; oder gar melancholisch abgehackt:

Die Hitze dunkelte wie Stahl. Der Aufenthalt in Agram war kurz. Am folgenden Tage schon reisten sie weiter. Einmal trafen sie mit ihren Geschäftspartnern auch in einem Cafe zusammen. Donald war schweigsam wie ein Briefbeschwerer. (S. 376)

Ich glaube, Heimito von Doderer hatte viel Freude beim Schreiben dieses Buches. Sehr schade, dass es zu den geplanten Folgebüchern nicht mehr gekommen ist.

 

Gender-Stereotype

Darstellung männlicher GewaltZum Artikel "Psychische Gewalt ist am schwierigsten zu beenden", diestandard.at.

Der Feminismus hat, am erfolgreichsten im 20. Jahrhundert, gegen Geschlechterstereotype gekämpft, um die Gleichberechtigung einen entscheidenden Schritt voranzubringen. Ein wesentlicher Teil davon war die Herstellung von Sensibilität in der Sprache. Wenn beispielsweise von "Piloten" die Rede war, und sich in der Vorstellungswelt der Menschen das immer nur auf ein männliches Gesicht abgebildet hat, dann ist das ein derartiger Stereotyp, der dazu führt, dass der Pilotenberuf als rein männlich, als un-weiblich empfunden wird.
Als Mittel gegen diesen Stereotyp wurde darauf Wert gelegt, von "Pilotinnen und Piloten" oder von "PilotInnen", "Pilot_innen", "Pilot|innen" usw. zu schreiben und zu sprechen; obabhängig davon ob im Kontext die Anzahl männlicher Piloten überwiegend war oder nicht. Man kann über die Auswirkungen auf die Sprache verschiedener Meinung sein, man muss diese Sprache nicht schön finden. Aber es hat mit Sicherheit Stereotype aufgeweicht und zu mehr Egalität in der Berufswelt geführt.

diestandard.at ist ein Medium, das dieses Aufbrechen von Geschlechterstereotypen sehr ernst nimmt. Die Journalistinnen und Journalisten publizieren keinen Text, in dem der Pilotenberuf – und dessen positives Image – als unweiblich suggeriert würde. Vor allem Mädchen und jungen Frauen soll der Weg in solch ein Karriere nicht als unweiblich suggeriert werden. Gut so.
Wie sieht es nun auf der mit eher weniger positiven Imageseite aus, der Gewalt? Der oben verlinkte Artikel zeigt das recht deutlich: Negatives Image bedeutet maskulines Image. Gewalt ist männlich. Frauenberatungsstelluen helfen Opfern. Männerberatungsstellen helfen Tätern. Was suggeriert das? Ja, Gewalt ist männlich. Täter sind männlich. Tun ist männlich! Weitergedacht: Du, junger Mann, wenn du männlich sein willst, wenn du dich mit deiner Geschlechterrolle identifizieren willst (eben eine Stereotyp), dann machst du mit Gewalt erstmal nichts falsch. Physische Gewalt mag gesellschaftlich unerwünscht sein, aber deiner Männlichkeit ist es erstmal förderlich.

Darstellung männlicher GewaltSomit wird männliche Gewalt zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Wenn allle Medien, auch die heute vordergründig der Geschlechtergleichstellung (!) verpflichtenden, im negativen Kontext nur Männer als Täter anführen, und sowohl weibliche Täter als auch männliche Opfer ausblenden, dann fördert das männliche Gewalt.


 

HAA Bericht von Oliver Wyman

Der vom BMF in Auftrag gegebene Bericht zu Weiterführungs- bzw. Abwicklungsoptionen der Hypo Alpe Adria wurde freundlicherweise von NEOS veröffentlicht (Parlamentarische Anfrage) — oder geleakt, wie man modern dazu sagt.

Überraschenderweise, dieser Bericht ist tatsächlich lesbar, ohne vorhergehende Absolvierung eines Betriebswirtschaftsstudiums; der Text scheint nicht absichtlich so formuliert zu sein, dass Außenstehende ihn nicht verstehen können.

Im Dokument werden vier Varianten diskutiert: Den Status Quo fortführen (Standardstrategie GroKo), formale Übernahme aller Risiken durch den Staat in einer Anstalt (wohl die vielzitierte "Bad Bank"), Co-Betrieb dieser Anstalt mit österreichischen Privatbanken und Konkurs der HAA.

Ein paar Kommentare zum Inhalt:

  • Seite 13: In der Tabelle amüsiert mich die Zeile 3, "Reputation Finanzplatz": Alle Varianten schneiden schlecht ab, nur die Option Insolvenz wird mit [+] bewertet. Ist das nicht genau das Gegenteil von dem, das die Medien trommeln – dass nämlich bei einer Insolvenz der HAA der Staat Schaden nimmt durch Reputationsverlust? Zum Beispiel in diesem Artikel auf Telepolis ("Österreich spielt mit dem Feuer"), an sich nicht unbedingt als Mainstreammedium bekannt.
    Also würde die marktwirtschaftliche Reaktion, die Pleitebank eben Pleite gehen zu lassen der Reputation des Finanzplatzes Österreich helfen? Ich sehe das auch so, allerdings schließt das natürlich trotzdem nicht aus, dass aus Rache für Verluste, und als Exempel, der Staat Österreich ein schlechteres Rating der Agenturen bekommt und somit mehr Zinsleistung bezahlen muss. Wyman sieht das wohl nicht so, bei Zeile 4, Rating und Refinanzierungskosten schneidet die Option Insolvenz ebenso überdurchschnittlich ab.
  • Seite 13, Seite 14: Wyman sieht kein großes Risiko für das Land Kärnten im Fall einer Insolvenz. Ich hätte das als größtes Risiko eingeschätzt – dass direkte Gläubiger oder eingesetzte Hedgefonds Kärnten oder die Republik klagen, bevorzugt in den USA, wo solche Klagen eher gute Erfolgsaussichten haben. Die Haftungen vor allem von Kärnten werden ja als exorbitant kolpotiert. Aber hier fehlt mit wohl Wissen, oder ich interpretiere den Bericht falsch. Als Unsicherheit für Kärnten, bzw. auch die anderen Länder wird nur folgendes angegeben: "Vorübergehender Anstieg der Volatilität im österr. Länderrisiko - Aufschlag sofern kein klarer Ablaufplan kommuniziert wird".
  • Seite 15: Es muss dringend an angestoßen werden: Erhöhung Transparenz. Transparenz über das aktuelle Gläubigerportfolios (Identität der Gläubiger, höhe der Anteile, Veränderungen)
    Oh ja, aber das klingt zu schön um wahr zu werden.
  • Seite 17: Als einzig negativer Punkt der Bewertung der Insolvenz wird folgendes genannt: "Mögliche rechtliche Risiken bei nicht ausreichender Vorbereitung."
    Das klingt bei unserer Regierung zwar nach gefährlicher Drohung, aber ansonsten ist die Aussage doch: Wenn gut gemacht, dann risikofrei?!
  • Seite 19: Unserer Regierung scheint (natürlich?) eine Beteiligung österreichischer Banken als favorisierte Option vorzuschweben. Was der Bericht dazu schreibt: "Vor dem Hintergrund der Verpflichtung gegenüber ihren Eigentümern können Banken einer Beteiligung an dem Beteiligungsfonds nur zustimmen, sofern dies eine für sie wirtschaftlich vorteilhafte Transaktion darstellt."
    Ah ja. Das heisst, die Banken stimmen zu, wenn sich eine Beteiligung für sie auszahlt; was für eine Überraschung, sagt der Hausverstand. Manch einer mag da neidisch gen Osten nach Ungarn lugen, aber ich hoffe dass Österreich nicht diesen Weg geht.

Der Wyman-Bericht scheint eine deutliche Präferenz Richtung Insolvenz einzuschlagen. Dagegen spricht eigentlich nur politische Schwäche, im Verhältnis zu Bayern und den Balkanstaaten. Ich hoffe die Opposition bleibt an diesem Thema dran. Interessant wäre jedenfalls eine öffentliche Diskussion, an der sich Oliver Wyman beteiligt.

 

Hypo! Hypo! Hypo!

Ceterum censeo Hypo Alpe Adriam esse illustrandam. Oder so ähnlich. Das von Armin Thurnherr gut wiedereingeführte Medienostinato passt nirgends so genau in die österreichische Wirtschaftspolitik wie bei dieser Skandalbank. Nachdem ein alleiniger Sündenbock (praktischerweise tot) offensichtlich nicht ausreicht, wird inzwischen der nächste hergerichtet (armes gieriges Würstchen). Ohne die Verantwortung des Herrn Haider für dieses Wirtschaftsverbrechen herunterspielen zu wollen, da muss noch viel mehr sein, da stehen noch viele Böcke im dunklen Stall.

Warum bemüht sich die österreichische Regierung seit Jahren, das Thema unterm Teppich zu belassen und brav aus Bundesbudget zu bezahlen? Die Bürger dieses Landes, die diese Zeche zu bezahlen haben, müssen über die Fakten unterrichtet werden — und zwar auf für Bürger verständliche Weise. Auch wenn ich mich wiederhole, ich möchte wissen,

  • wie sieht die Vereinbarung mit EU aus, welche "Umstrukturierungsmaßnahmen" sind geplant?
  • was sind die tatsächlichen Passiva der HAA?
  • wer sind die Gläubiger der HAA? Welche Banken und Stiftungen sind Gläubiger und mit welchen Summen?
  • welche Haftungen hat das Land Kärnten, welche jetzt der Staat, welche die BLB? Welche Finanzinstrumente liegen diesen Haftungen zugrunde?
  • wieviel Geld wurde der HAA bereits auf öffentlicher Hand zugeschossen?
  • welche Überweisungen wurden durch dieses Geld bereits ermöglicht? Welche Transaktionen nach außen über EUR 100.000 wurden seit der Notverstaatlichung durchgeführt?

Mich interessieren nicht nur die rechtlichen Möglichkeiten und der jetzige Spielraum, sondern auch wie die Spielregeln zu ändern sind, dass nicht Milliarden an Steuergeld an wenige private fließen um deren Spekulationen zu sichern.
Ein einfacher Revanchismus an den Bankensektor — die haben uns doch da reingeritten, sollen sie auch bezahlen — ist hier viel zu billig. Nicht nur weil diese dann die Kosten an die Kunden wiedergeben, sondern auch, weil anzunehmen ist, dass es auch in dieser verrufenen Branche nicht nur schwarze, sondern auch dunkelgraue, mittelgraue, hellgraue, und wer weiß, sogar das eine oder andere weiße Schafe geben wird. Was für ein Signal wäre das an die schlechtesten und skrupellosesten der Unternehmen, wenn die Konkurrenzunternehmen ohnehin zur Kasse gebeten werden wenn sie sich selbst verspekulieren oder sonstigen Mist bauen? Welche Motivation hätten Banken, vorsichtig und ethisch zu agieren?

Jeder der sich darüber beklagt, dass Geld an Banken fließt, das in Bildung, Soziales, Infrastruktur etc. fehlt muss die Aufklärung des HAA Desasters verlangen – ganz konkret!

Links:

Sichere Elektronische Kommunikation in Deutschland

Die verbreitetste schriftliche Kommunikation im Internet ist nach wie vor Email, zumindest wenn es um Kommunikation der formaleren Art geht. Es ist die klassische Email und ihre Protokolle pragmatisch für einfachen Nachrichtenaustausch gemacht ohne viel Drumherum — wahrscheinlich ist diese Simplizität einer der Gründe für ihren Erfolg. Wegen der Durchdringung des Alltags der meisten Menschen treten vor allem Lücken in der sicheren Kommunikation dieser technischen Umsetzung zutage: Erstens, wie kann ich sicher sein, dass ein Absender auch der ist, der er vorzugeben scheint, und zweitens, wie kann ich verhindern, dass die Nachricht von Dritten unerwünschterweise mitgelesen wird.

Technische Lösungen dafür gibt es (Beispiel: PGP), die Bequemlichkeit und damit Massentauglichkeit ist aber umstritten. Der Gesetzgeber in Deutschland wollte dem im Alleingang Abhilfe schaffen, aus welcher Motivation auch immer. Produkt dieses Versuchs nennt sich "De-Mail"; gerade dieses Produkt ist wiederum heiss umfehdet, wild umstritten. War es überhaupt notwendig, oder hätte es nicht gereicht, die Diensteanbieter zu einer einfachen Konfiguration von Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zu motivieren und möglicherweise noch eine brauchbare zentrale Schlüsselverwaltung zu etablieren?
Bei zweiterem könnte der Staat ja vielleicht sogar seine Schlüsselchen in's trockene bringen — die Abhörsicherheit von E2E-Produkten (wie eben PGP) ist ja mutmaßlich eine Eigenschaft, die es Regierungen schwer macht, diese Technologie zu fördern.

Ein interessanter Vortrag dazu von Linus Neumann, vorgetragen beim 30C3 (Congress des Chaos Computer Club 2013), technisch recht gut verständlich: Bullshit made in Germany (Video im Browser). Linus Neumann war auch in einem Gremium zur Bewertung von De-Mail. Er gibt in dem Vortrag interessante Einblicke, wie solche Entscheidungen zustandekommen. Alles in allem nichts überraschendes mehr.

Vielleicht als alternative Argumentation, im Blog INTERNET-LAW von Thomas Stadler nimmt Ann-Karina Wrede Stellung zur Kritik an De-Mail: Der (Un)Sinn der De-Mail. Ich kann die Kritik an der Kritik nicht nachvollziehen, prinzipiell geht es um die angebliche zu hohe Komplexität von Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Ob diese dann im Zusammenhang mit De-Mail überhaupt Sinn ergibt wäre noch zu klären.

Meiner Meinung nach ist die ganze Aktion in Deutschland hauptsächlich ein patscherter Versuch der Regierung, die Internetkommunikation besser unter Kontrolle zu bekommen, und eine ABM für teure Beratungsunternehmen. Bin gespannt was sich bei dem Thema in Österreich tut — willige Beratungsunternehmen lassen sich hierzulande ja auch gern vom BMI finden.

Eine Firma vor den Vorhang

Als sehr zufriedener Kunde möchte ich die Firma Ostersetzer in Wien Margareten in der Reinprechtsdorferstraße im Falle von Uhrenwehwehchen empfehlen. Ich war während der letzten Jahre schon einige male dort und verlasse die Werkstatt dort immer mit einem guten Gefühl.

Steh!

Die Wiener Stadtregierung arbeitet daran, aus dem Öffinetz das zu machen, was es in den Augen vieler – noch – ungerechtfertigterweise ist: Ein Massentransportsystem für die, die sich nix anderes leisten können.

Jetzt setzen die Wiener Linien um, was ein paar Monate lang gestestet wurde: Aus 90 Straßenbahngarnituren werden jeweils zwölf Sitzplätze entfernt, um die Kapazität einer einzelnen Fahrt zu erhöhen ("Öffi-Beschleunigung: Ampelschaltungen und mehr Platz in Bims"). Es ist schön, dass mehr Leute mit Straßenbahn, U-Bahn und Bus fahren, aber durch die finanzielle Ausdünnung der Wiener Linien durch teure U-Bahnprojekte und Verbilligung des Jahrestickets fehlt Geld zum Ausbau der Kapazitäten der bestehenden Linien.  Wenn weiterhin in diese Richtung gearbeitet wird, wird es soweit kommen: Die öffentlichen Verkehrsmittel sind die, die benutzt werden, weil sie benutzt werden müssen. Ob sich das positiv auf die Stimmung und das Fahrgefühl in den Öffis auswirken wird? Nein.

Vergrößerter Raum zum Stehen in einer Straßenbahngarnitur
Modifizierte Straßenbahngarnitur, (c) Wiener Linien
 

Ich fahre täglich cirka 40 Minuten mit Straßenbahn und U-Bahn, lese währenddessen. Das Stehen an sich ist verschmerzbar (zumindest für mich mit Bürojob), aber auf Sardinendosenatmosphäre, in der es unmöglich ist ein Buch zu halten, kann ich verzichten. Dann fahr ich lieber doch mit dem Auto.

Was haben die USA mit dem Internet gemacht?

Reinhard Göweil schreibt im Leitartikel der Wiener Zeitung vom 17.1.2014 ("Netz-Kolonie Europa") davon, wie amerikanische Technologie und ihre Geheimdienste (oder war es andersrum?) das Internet beherrschen. Europa (die EU) sieht dabei mehr oder weniger tatenlos zu, wie die Infrastruktur der Wissensgesellschaft einseitig ausgebeutet wird.

Willenlos hat Europa zugesehen, wie die USA die Herrschaft im Internet übernahmen.

Tatsächlich? Es benötigt nicht viel Insiderwissen, die Entstehungsgeschichte des Internet ist bekannt: Das Internet, bzw. dessen wichtigste Protokolle (http mag eine rühmliche Ausnahme sein) entstand aus dem ARPANet, einem Militärnetzwerk, entwickelt mit Geldern der DARPA, das wiederum eine Tochterorganisation des DOD ist, des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Ziel war vorrangig, ein ausfallsicheres Computernetzwerk zu ermöglichen, das auch in Kriegszeiten einsatzfähig bleibt.
Nun ist es nicht unbedingt ein großes Geheimnis, dass in den USA (wie eigentlich sonst überall auch) Militär und Wirtschaft oft Hand in Hand gehen. Geheimdienste sind da nur eines der möglichen Bindeglieder. Das Land hat eine technologiefreundliche Grundeinstellung, und in wirtschaftlichen Fragen wenig Skrupel (wie eigentlich sonst überall auch). Somit haben die USA nicht die Herrschaft "übernommen", sie haben die Herrschaft einfach nur nie aus der Hand gegeben.

Was haben die USA mit dem Internet gemacht? Das wofür es entwickelt wurde. Daran wird auch Obama nichts ändern.

Ein Wenig Grusel vor dem Einschlafen?

Die besten Geschichten schreibt ja doch das Leben. Auch die besten Gruselgeschichten. Wer sich gern ein wenig gruselt, dem darf ich ein paar Videos (YouTube) von Boston Dynamics an's Herz legen — bei mir funktioniert das Gegrusele dabei recht gut. Übrigens, Boston Dynamics, owned by Google seit kurzem.

Da die ganze beeindruckende Technik mehr oder weniger direkt vom US Militär finanziert wird, kann man sich in etwa ausmalen wie kriegerische Auseinandersetzungen in Zukunft aussehen werden. Es wäre die Vorstellung eines noch einigermaßen symmetrischen Konflikts – bei dem sich statt menschlichen Soldaten an Gurgel und Eingeweide, Robotersoldaten an Hydraulik, Servos und CPU gehen – sympathisch. Aber wenn dann einer Seite das Blech ausgeht, was dann? Ich möchte einem dieser Viecher nicht im Weg stehen, egal ob es aussieht wie Arnie, Garfield oder Nummer 5.

longhorn robot from boston dynamics
Horny Robot, Boston Dynamics/YouTube

 

Zumindest was die Mechanik betrifft, hat die Zukunft wohl letzen Freitag begonnen. Wie autonom diese Geräte agieren können, kann man zumindest diesen Videos nicht so einfach ansehen. Ich hoffe es dauert noch ein paar Tage, bis diese Kreaturen draufkommen, dass es ohne menschliche Operatoren auch geht. Oder besser geht.

Dein Kärker bistu selbst.

Dein Kärker bistu selbst.

Die Welt die hält dich nicht / du selber bist die Welt /
Die dich in dir mit dir so stark gefangen hält.

(Angelus Silesius)

 

Scha-Ha-Ha-chrätsel in der Maturazeitung

Heute sah ich auf derstandard.at nach langem wieder einmal ein Schachrätsel, da dieses prominent auf der Einstiegsseite des Webauftritts platziert wurde. Diese gute alte Tradition in allen möglichen Allerweltsqualitätszeitungen wurde leider oftmals vom Sudoku abgelöst, auch kniffelig, aber nicht so charmant, wie ich finde.

Die Bilder von abgedruckten Schachbrettern haben mich jedenfalls an etwas erinnert: Für unsere Maturazeitung, immerhin 23 Jahre her, verfasste ich auch eine Seite Schachrätsel. Leider sind durch Mängel im technischen Produktionsprozess auf dieser Seite alle Graustufen in Schwarz abgesoffen, mein Beitrag ging vor die Hund und meine Perle – gefühlt – somit vor die Säue.

Aber nun hab ich nach so vielen Jahren die Möglichkeit mein Geistesprodukt doch noch zu veröffentlichen:

GÜRTI'S SCHACH-ECKE

Weiß zieht und setzt in 41 Zügen matt.
(Lachmayr - Temmel)

 

Weiß zieht und setzt in 17 Zügen matt.
(Lintner - Dickbauer)

 

Schwarz zieht und setzt in 6 Zügen matt.
(etwas knifflig)

 

Schwarz zieht, ist aber matt.
(Lösungen bitte an die Redakion)

 

 

Nun, vielleicht war es damals einen Quantensprung witziger, mit 18 damals. Aber das musste raus.

Gelesen: Die reuelose Gesellschaft, von Rotraud A. Perner

BuchumschlagPerner's Lament. Eine Formulierung in Deutsch die ähnlich gut passt fällt mir zu diesem Buch nicht ein. Es steht nichts Falsches in diesem Buch, aber bereits der Einstieg ist ein buntes Sammelsurium an Allgemeinplätzen was falsch läuft in unserer Welt. Dass die Wahrheit oft auf der Strecke bleibt. Dass alles viel zu schnell geht. Dass Eigenverantwortung und Zivilcourage selten geworden sind. Dass wir am Informationstropf professioneller Verführer hängen. Etc. etc. etc. Wie gesagt, alles richtig, aber auch alles schon gewusst.

Dazu kommt eine misandrische Grundstimmung, die sich durch das gesamte Werk zieht: Auf der vierten Seite berichtet die Autorin von einem Mann, der eine – die der Autorin?  Psychotherapie ablehnte, weil er womöglich dadurch die Erkenntnis gewinnen würde, gar nicht verheiratet sein zu wollen. Perners Analyse bezeichnet den Mann danach als "Giftklumpen", als "Kaktusmenschen" dem man meiden solle. Kurz später wird es etwas expliziter:

Verantwortlichkeit bedeutet in diesem Fall, dass man sich der Suggestivkraft von Worten und Sätzen [..] bewusst ist. Das ist aber nicht einmal bei den – Selbstbezeichnung – Qualitätsmedien immer der Fall; dies hängt einerseits mit den persönlichen Ressentiments der Gestalter zusammen – aus meiner Beobachtung kommt dies vor allem bei Männern vor [..], Frauen sind überwiegend sensibler für Diskriminierungen, und seien sie noch so geschickt getarnt –, [..]

Frauen enttarnen also Diskriminierungen, und seien sie noch so geschickt getarnt, wahrscheinlich haben sie ein Diskriminierungsenttarnungsgen. Das obige Zitat darf man dann als Klartextsexismus bezeichnen. Und wie so oft ist es schade um den Versuch, Genderthemen objektiv anzugehen. Natürlich ist es gut, in einem Buch das sich mit der Gesellschaft auseinandersetzt, auch diesen Aspekt zu untersuchen, aber muss es sich einseitig durch den gesamten Text ziehen? Oft versucht Perner ja tatsächlich, einen wissenschaftlich ausgeglichenen Ansatz, aber spätestens bei den Beispielen aus dem ausgiebigen Anektdotenschatz der Autorin ist dann wieder klar, dass es ein Täter-Opfer-Schema gibt – geben muss – das nur eine Schablone kennt. Und nach dem Beispiel kommt dann der unvermeidliche Schluss, wie dieser:

[..] wir so auch unser Sexualverhalten kultivieren könnten … wenn wir wollen. Doch die meisten westlichen Männer wollen das gar nicht, [..]

Die meisten westlichen Männer. Das Attribut "weiß" fehlt noch. Hier darf ich auch einmal zitieren, nämlich aus einem Programm von Volker Pispers:

Es geht nicht über ein einfaches Weltbild — das kennen Sie noch aus den Zeiten des Feminismus; wenn man weiß, wer der Böse ist, hat der Tag Struktur. 1

Das Weltbild der Autorin ist ein egozentrisches. Nach einem Bericht, wie ihr übel von einem Journalisten mitgespielt wurde und einem Lament wie schwer es Journalistinnen und Journalisten haben, aus eigener Sicht, kommt dann folgendes, ein paar Sätze Exkurs zum Thema Werbung:

Der Werbeprofi freut sich dann über die Wirksamkeit seiner Botschaft, nur: Kaufentscheidung folgt daraus keine, sondern eher die Anfrage an Fachleute wie mich, wie man sich von solch unerwünschten Zwangsgedanken befreien kann.

Sympathisch? Betreffend den Zugang zur Wissenschaft:

Je weiter man von einer Lichtquelle entfernt steht, desto größer ist der Schatten, den man wirft. (s. 35)

Das sind natürlich neue Erkenntnisse der Optik. Die bisherige Lehrmeinung ist natürlich irrelevant, wenn man es mit Fachleuten wie der Autorin zu tun hat.

Das Buch ist an sich gut Strukturiert und eingeteilt in Kapitel, die sich mit Lügen und Unwahrhaftigkeit im gesellschaftlichen und privaten Leben wie auch in der inneren Einstellungen manifestieren. Der Stil ist für mich leider etwas mühsam, mir fehlt im Fließtext (nicht in der Struktur des Buches) ein roter Faden; es gibt zu viele Abschweifungen, Appositionen, Gedankenstriche, Zitate und Zitate mit Zitaten, Bildbrüche, manchmal ein esoterisch angehauchter Wortschatz (Geschmackssache), persönlich Erlebtes das nicht immer zum Thema passt:

Ich selbst habe meine Neologismen »Mesoziation« und »Salutogenergethik« sicherheitrshalber gleich rechtlich schützen lassen, denn mir passiert es einerseits laufend, dass Gedanken und Aussagen von mir plagiiiert werden, was bedeutet: angeführt, ohne meinen Namen dazuzustellen, nadrererseits bin ich aber auch schon Opfer von Identitätsklau geworden. (s.64)

Wieder und wieder stellt sich Frau Perner als Opfer dar. Ich will das in der Sache selbst nicht bestreiten, aber gehört das in ein Sachbuch, oder wäre das nicht besser in einem Blog aufgehoben? Wie ist der Zugang zur Wissenschaft wenn man sich "seine" Wortkreationen schützen lässt? Immer wieder Formulierungen der Art "in der von mir erfundenen Methode PROvokativpädagogik" (s.97) — es muss niemand sein Licht unter den Scheffel stellen, aber jede zweite Seite Eigenlob, das ermüdet den Leser. Und dann erst solch ein Absatz:

So empfahl eine Sozialarbeiterin einer arbeitslosen Schneiderin und Mutter dreier unehelicher Kinder, davon eines leicht und eines stark geistig behindert, deren Erzeuger sich jeweils während der Schwangerschaft verabschiedet hatten, sie möge doch ihre Profi-Nähmaschine versetzen, um zu Geld zu kommen die einzige Quelle, mit der sie laufend kleine Beträge erarbeiten hätte können. Ich habe ihr damals die Maschine ausgelöst und ein paar für mich unnötige, für sie aber lebenswichtige Nähaufträge gegeben, nicht, damit sie den von mir vorgestreckten Betrag zurückzahlen kann, sondern damit sie sich als Werktätige und nicht als Almosenabhängige fühlt. (S. 98)

Wie selbstgerecht ist das?! Da spricht sich die Autorin im gleichen Kapitel dafür aus, völlig berechtigt, Kinder nicht zur Herabwürdigung anderer zu Erziehen, nicht zu verletzen, und dann so etwas? Wie wird sich die erwähnte Nähering fühlen, wenn sie diesen Text liest? Von der hehren Autorin mit "unnötigen" Kleinaufträgen ausgehalten? Ich hoffe die Geschichte ist erfunden.

Es ist schade um das Thema, schade um das Buch, so mein Eindruck. Es ist so viel Wahres in dem Buch, das besser herausgearbeitet worden wäre, anstatt mit erhobenem Zeigefinger Moral zu predigen. Sich selbst als makellosen Charakter zu porträtieren verträgt sich nicht mit dem Buchtitel. Rotraud Perner hat anscheinend nichts zu bereuen.

Mir hat das Buch leider nicht sehr viel gegeben, aber Lernen findet ja nicht immer im Bewusstsein statt — somit bereue ich nicht das Buch gelesen zu haben und fühle mich zum Nachdenken angeregt. Somit hat das Buch etwas erreicht und möchte mit dem passenden Absatz aus dem Buch beenden:

Eigentlich will ich mit diesem Buch nur zum Nachdenken anregen und Mut machen, sich die Zeit zu nehmen, um nachzufühlen, ob das, was man zu tun beabsichtigt, stimmig ist – zur Situation passt, zur eigenen Ethik und Salutogenese, d.h. zur Förderung der Gesundheit aller Beteligten. (S. 233)

2013, Residenz Verlag, ISBN 978-3-7017-3317-0


1) http://www.youtube.com/watch?v=BGlDP3XJa6E, 02:45

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