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Gelesen: 1815 Der Wiener Kongress und die Neugründung Europas, von Thierry Lentz

Viel von dem, was Europa in unseren Tagen ausmacht, wurde in dem verhältnismäßig kurzem Zeitraum von neun Monaten des Wiener Kongresses festgelegt. Buchumschlag Trotzdem wusste ich noch wenig vom konkreten Inhalt dieses neuzeitlichen Meetingmarathons. Vor allem bekannt ist das launische “Der Kongress tanzt”. Aber das passt nicht zusammen, eine Neuordnung Europas, wie sie noch nie zuvor stattgefunden hat, und eine Alibiversammlung zur Verlustierung von Hochadel und Diplomaten: Damit hätte diese Neuordnung nicht geleistet werden können.

Um der Kompaktheit des Buches willen erfährt der historisch nicht so versierte Leser nicht allzuviel von der Situation zeitlich run um den Kongress, Details über die langen napoleonischen Kriege erfährt man nur sporadisch. Das würde aber auch den Rahmen des Buches sprengen, und in Zeiten des Internet fällt es auch leichter, sich das beim Lesen allzeit geweckte Interesse mit Informationsstücken, historischen Karten und Geschichten zu befriedigen. Gerade wenn man das Buch nicht in einem Zug durchliest, ist dies auch notwendig um einigermaßen den Überblick über die Geschlechter zu behalten: Welcher Ferdinand mit welcher Seriennummer wohin gehört, wo die Bourbonen denn gerade sind und wo sie schon überall waren, und was das für deutsche Grafschaften links und rechts des Rheins alles da sind.

Das Buch erklärt für Nichthistoriker verständlich die Vorgänge von Napoleons erster Abdankung bis zum Endes des Kongresses. In der deutschen Übesetzung darf man nicht jeden aus der Alltagssprache bekannten Begriff wie gewohnt interpretieren – das "Empire" ist nicht unbedingt England und ein "Prinzregent" muss nicht unbedingt ein Bayer sein. Die hin und wieder eingestreuten etwas launigen Bemerkungen im überwiegend sachlich-populärwissenschaftlichen Stil lockern beim Lesen etwas auf, das muss man aber nicht mögen. Der Autor macht einen um Objektivität sehr bemühten Eindruck (auch wenn er sich als Franzose den einen oder anderen kleinen Seitenhieb auf das britische Empire nicht verkneifen kann). Er erwähnt selbstreflexierend im Schlusswort die länderspezifische, und da auch vor allem Frankreich betreffend, subjektiv-nationale Geschichtsschreibung zu diesem Thema.
Schlussendlich zählt der gut nähergebrachte Inhalt dieses Buches.

Europe 1815 map

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