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Gelesen: Die Strudlhofstiege, von Heimito von Doderer

Zur Strudlhofstiege

Die Strudlhofstiege ist eine schöne Treppe mit vielen Stufen, und dieses ist ein schönes Buch mit vielen Seiten, über 900 sind es. 900 Seiten über das Leben der gehobenen Mittelschicht in Wien, zwischen 1910 und 1925. Über den Alltag, und ein paar kleine oder doch mittlere Abenteuer erzählt von Doderer, verwoben, zeitlich wie räumlich über eineinhalb Jahrzehnte, über die Stadt und diverse Orte der Sommerfrische. Aber immer wieder zurückkommend auf eine Hand voll Protaganisten, Herrn Major Melzer, und einen schönen Ort im 9. Wiener Gemeindebezirk, die Strudelhofstiege eben.

Buch "Die Strudlhofstiege"Heimito von Doderer, ein Meistererzähler der Nebenläufigkeiten, manchmal aber sogar schräger Stränge, wie etwa gedoppelter Damen. Aber meist gibt es, wie im wirklichen Leben an den meisten Tagen, Alltag, und in dieser Klasse gepflegte Langeweile auf hohem Niveau. Und dazwischen ein Krieg. Eigentlich sollte man meinen, dass diese erste Jahrhunderkatastrophe ein bestimmendes Element des Alltags sein müsste, aber nein — aber obwohl doch einige der männlichen Figuren in diesen Krieg gezogen sind, einer sogar mit anschließender Gefangenschaft in Sibirien, so lässt der Krieg die Menschen im Buch kalt. Nicht einmal die kleinste Neurose ist dazugekommen, bemerkenswert.

Was das Lesen betrifft, auch diesmal wieder, wenn man denkt, man nimmst sich einen Klassiker vor, eine dicke Schwarte, eine olle Kamelle (Eulenfeld, denn er ist der Rittmeister) dann wird man wieder belehrt, dass es früher auch schon moderne Zeiten waren, und nicht nur gute alte, oder gar dumme.

Die ganze Strudelhofstiege

Kommunikations-Coach von 1951:

Jedenfalls erreichte Melzer in keiner Weise von ihr, was er unbewußt eigentlich wollte: Seiniges, das er ihr nahe brachte, in ihre persönliche Wärme gehüllt zurückzuerhalten. (Übrigens wollen die meisten Menschen nichts anderes, wenn sie uns anreden — man führt daher jedes Gespräch am vorteilhaftesten so, daß man den Leuten sagt, was sie eben gesagt haben, nur leicht variiert; auf diese Weise ergibt sich bei geringstem Aufwande das beste Einvernehmen.) Seite 314

Körperkult vor dem Krieg:

Die Stelle des Ufers, an welcher Thea Rokitzer und Paula Pichler auf einer Decke lagen, war halb im Schatten einiger Sträucher, halb in der Sonne, in welche man sich mit einer geringen Drehung des Körper herauswälzen konnte: was Paula vermied, sie war keine Anhängerin des Brat-Kultus, ihrer Sommersprossen wegen. Auch der Rokitzer geland das Sonnenbaden nciht recht, ihre rosige Haut rebellierte immer wieder und allzu heftig gegen die Widernatürlichkeit solcher Bestrahlungen, die nur allmählich und achtsam gesteigert und am Ende lange und regungslos geübt, das zarte Pigment einer Blondine in jenes ölige Braun verwandeln können, das die weiblichen Uniformierungs-Vorschriften damals schon durchaus forderten. Seite 378

Wann sind noch gleich Solarien erfunden worden?

Der Erzähler selbst bleibt mysteriös, er ist gut Informiert, auch über Details von intimen Gesprächen zwischen zwei Konspiratoren, beispielsweise, die nur ein allwissender Erzähler berichten könnte; aber dann bekennt er das fehlende Wissen, sogar ganz grundsätzlicher Dinge, über die ansonsten Überwachten. Über allem schwebt eine angedeutete, später geschriebene Chronik, die ein paar Nebenfiguren, geleitet von einem Dichter, später verfasst haben sollen. Auch neutral ist dieser Erzähler nicht, er wertet gerne mal jovial wienerisch über seine Schäflein ("bäh, bäh").
Hin und wieder steigt dieser Erzähler gar aus seiner Geschichte heraus, fast schon ein wenig so wie in "Sofies Welt" und überrascht den Leser mit der Erkenntnis, dass er ja gerade ein Buch liest.

Doder erfreut sich und seine Leser über fein eingefügte Sätze und sogar Wortkreationen. Man kann sich den Autor fast vorstellen, wie er lächelt über eine geglückte Formulierung, und dann immer wieder passende Stellen für deren Anwendung findet. So ist der "Zihalismus" (als eine Form des Bürokratismus, der Name abgeleitet von einer Nebenfigur, Amtsrat Zihal) ein genialer Einfall und passt nach Wien wie Tinte in die Füllfeder. Aber im Grunde sind das alles Gemeinheiten.

Danke.

Strudlhofstiege

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