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Gelesen: Die Wasserfälle von Slunj, von Heimito von Doderer

Buchumschlag Die Wasserfälle von SlunjEin Buch, an das ich eher durch Zufall anstatt zielgerichteten Willen gekommen bin. Es ist ein Erbstück aus der Sammlung meines Großvaters. So ist das Buch etliche Jahre unscheinbar im Regal gestanden bis ich es jetzt endlich im meine Tasche für die U-Bahnfahrt gesteckt hab.

Es war ein guter Griff. Vielleicht etwas anschließend an "Der Mann ohne Eigenschaften", das ich vor einem Jahr gelesen habe, bringt dieses Werk Erkenntnisse über unser Kakanien im späteren 19. Jahrhundert und bis zum zweiten Weltkrieg. Anders als das Buch von Musil, über dem das Damoklesschwert von 1914 deutlich sichtbar hängt, erzählt Heimito von Doderer von einem intellektuellen Wien, einer multikulturellen, erfolgreichen und meist aufgeschlossenen Donaumonarchie.
Zentralgestirne der Geschichte sind Vater und Sohn Clayton, jeweils Ingenieure und Erben eines englischen Familienunternehmens für Landmaschinenbau. Zu Anfang des Buches wird Robert Clayton (der Vater) von dessen Vater nach seiner Hochzeitsreise am Balkan nach Wien entsendet, um ein Zweigwerk aufzubauen. Er bleibt in der Stadt hängen, und um ihn und seinen hauptsächlich in Wien aufwachsenden Sohn entspinnt sich ein soziales Netz von Bekanntschaften, auf das der Autor hie und da ein Vergrößerungsglas legt und ein paar Tage oder ein paar Jahre einen neuen Protagonisten findet.

Nach diversen Ausflügen kehrt man immer wieder zurück ins Claytonzentrum in Wien. Dabei finden sich immer wieder Anhaltspunkte, natürlich besonders interessant wenn man in der entsprechenden Gegend lebt. So wird über die Semmeringbahn und dessen Erbauer erzählt, man erfährt einiges über den Baufortschritt von Wien um 1900; Hinweise auf reale Personen und Unternehmen verwischen leicht prickelnd Fiktion und Historie. Pittel+Brausewetter kommt vor wie die verblichene Österreichische Lloyd. Und in Zeiten der Internets lässt sich herausfinden, dass sogar der Name Clayton tatsächlich etwas mit Wien und Landmaschinen bau zu tun hat: Es gab eine Hofherr Schrantz-Clayton Shuttleworth AG.

Die Art des lockeren Springs von Darsteller zu Darsteller erinnert mich das Buch an "Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach" von Erwin Einzinger, der ein Netz mit ähnlicher Maschenweite knüpft, eine Strickleiter um sich anzuhalten. Auch die Komplizenschaft mit dem Leser, die direkte Ansprache, ist ein Stilement, das beide Autoren gern verwenden:

An dieser Stelle muß zugegeben und konstatiert werden, daß uns die trojanischen Pferdchen immer wieder dahergetrabt kommen, ohngeachtet der Filzpatschen-Aktion von pagina 100. So geht's wenn man sich einmal eingelassen hat. Seien wir's zufrieden, wenn uns wenigstens die Hausmeisterin Wewerka gänzlich ausbleibt, zu deren Entfernung aus der Composition allerdings auf pagina 111 bedeutende Energien aufgewandt worden sind. (S369)

Und tatsächlich auf pagina 111 steht folgendes geschrieben:

Aber die Wewerka kann jetzt hinausgeschmissen werden; und damit kommt der Augenblick ein allzu seltener, ein allzu kurzer! wo der Romanschreiber nicht an die Eigengesetzlichkeit seiner Figuren gebunden bleibt, sondern zuletzt noch mit diesen machen darf, was er will.

Ein interessanter Ausflug in die Metaebene. Für mich erst etwas befremdend, aus der Phantasiewelt des Buches herausgeklaubt zu werden, aber strategisch gut eingesetzt, um die Personen die nicht mehr auf der Bühne sind zu sortieren.

Die Sprache des Buches ist abwechslungsreich, meist leicht, lebhaft, verschmitzt und frech,

Nicht lange nach deren Verhausmeisterung war das Ehepaar Bachler hier eingezogen (der fesche Herr Doctor zeigte übrigens von Anfang an den Wenidopplers gegenüber die offenste Hand, ähnlich wie jetzt Chwostik). Eine Hausmeisterin weiß alles, manchmal aber doch nicht so ganz genau; zudem war diese da neugebacken (nuper conciergificata). (S. 125)

dann wieder ausholend in langen Sätzen; oder gar melancholisch abgehackt:

Die Hitze dunkelte wie Stahl. Der Aufenthalt in Agram war kurz. Am folgenden Tage schon reisten sie weiter. Einmal trafen sie mit ihren Geschäftspartnern auch in einem Cafe zusammen. Donald war schweigsam wie ein Briefbeschwerer. (S. 376)

Ich glaube, Heimito von Doderer hatte viel Freude beim Schreiben dieses Buches. Sehr schade, dass es zu den geplanten Folgebüchern nicht mehr gekommen ist.

 

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